Berufsbilder


Ausbildung zum Gerichtsvollzieher

Die „Kuckuck“-Kleber

Zugegeben: dem Beruf des Gerichtsvollziehers haftet etwas Unheilvolles an. Wo er auftaucht, hinterlässt er leere Stellen und bekümmerte Menschen dort, wo Vermögen gepfändet wurde – so das gängige Klischeebild. Doch nur wenigen ist bewusst, wie viel Verantwortung ein Gerichtsvollzieher trägt, wenn er auf diese Weise das Schicksal eines Menschen beeinflusst. Wer diesen Beruf wählt, entscheidet sich darum für eine höchst anspruchsvolle Arbeit, die sich zwischen der Unbeugsamkeit des Gesetzes und menschlichen Einzelschicksalen abspielt.

„Man weiß nie, was einen hinter der nächsten Tür erwartet“, so beschreibt Jana Herdmann die alltägliche Herausforderung ihres Berufs. Sie ist seit 2007 Gerichtsvollzieherin am Amtsgericht Aschaffenburg und muss mit dieser Unsicherheit umgehen können. Denn zu einem normalen Arbeitstag gehört der Außendienst, bei dem sie Schuldner vor Ort aufsucht. Ein Schuldner ist eine Person, die einer anderen – dem Gläubiger – eine Leistung schuldig ist. Hat er zum Beispiel Strom bezogen, die Rechnung aber nicht bezahlt, schuldet er dem Stromanbieter Geld. Wenn per Gerichtsurteil beschlossen wurde, dass der Gläubiger Anspruch auf seine Forderung hat, der Schuldner dieser aber nicht nachkommt, tritt der Gerichtsvollzieher auf den Plan. Er treibt als staatliches Vollstreckungsorgan auf Antrag des Gläubigers dessen Forderung im Wege der Zwangsvollstreckung ein. Die GEZ beispielsweise schickt bis zu 740.000 Mal im Jahr einen Gerichtsvollzieher zu Bürgern und Unternehmen, um rückständige Rundfunkgebühren einzuziehen.

Schuldner können während der Sprechzeiten zwar freiwillig zur Zahlung beim Gerichtsvollzieher erscheinen. „In den meisten Fällen suche ich den Schuldner aber persönlich auf, bespreche mit ihm die Vollstreckungssache und fordere ihn zur Zahlung auf“, beschreibt Jana Herdmann ihr Vorgehen. Kann der Schuldner die Forderung nicht begleichen, kommt der sogenannte „Kuckuck“ zum Einsatz: Die 32-Jährige sieht sich dann nach pfändbaren Gegenständen um und klebt darauf eine Pfandsiegelmarke, umgangssprachlich „Kuckuck“ genannt. Das können zum Beispiel Schmuck oder ein Computer sein. Fernseher und Radio dürfen dagegen nicht gepfändet werden, da sie zu den anerkannten Grundbedürfnissen des modernen Menschen gerechnet werden. Dafür ermittelt Herdmann auch Ansprüche gegen Dritte und leitet dann die Zustellung von Pfändungs- und Überweisungsbeschlüssen ein, etwa an eine Bank oder Lebensversicherung für eine Kontopfändung. Manchmal muss ein Gerichtsvollzieher zu drastischeren Mitteln greifen. Wenn sich ein Schuldner dem Vollstreckungsverfahren entzieht, kann es vorkommen, dass er die Person verhaften, einen Mieter aus seiner Wohnung räumen oder Eltern das Kind wegnehmen muss. „Es kann vorkommen, dass die elterliche Fürsorge einer anderen Person zugesprochen wird als derjenigen, bei der sich das Kind gerade aufhält. Den Sohn oder die Tochter wegnehmen, darf in sogenannten zivilen Angelegenheiten nur der Gerichtsvollzieher“, erklärt Norbert Coenen. Der 55-Jährige ist seit 2005 Leiter im Gerichtsvollzieherlehrgang am Ausbildungszentrum der Justiz Nordrhein-Westfalen Nebenstelle Monschau und weiß, dass solche tragischen Schicksale zum Berufsalltag gehören. „Ein Gerichtsvollzieher trägt eine hohe Verantwortung gegenüber Menschen und benötigt ein feines Gespür für die Situation des jeweiligen Schuldners. Dem muss man mental und körperlich gewachsen sein.“

Darum werden angehende Gerichtsvollzieher in der Bayerischen Justizschule Pegnitz gezielt in ihren sozialen Kompetenzen gefördert, in Planspielen auf mögliche Arbeitssituationen vorbereitet sowie in Gesprächsführung und Selbstverteidigung geschult. Die Justizschule bildet Gerichtsvollzieherbewerber der Bundesländer Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aus. Zugelassen ist rein formal nur, wer die Anstellungsprüfung für den mittleren Justizdienst erfolgreich bestanden hat, mindestens 24 und höchstens 45 Jahre alt ist, die deutsche Staatsbürgerschaft sowie die für den Gerichtsvollzieherdienst erforderliche gesundheitliche Eignung besitzt und in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen lebt. Auch die Persönlichkeit und die bisherigen Leistungen des Lehrgangsteilnehmers werden beurteilt. Eine Ausnahme wird gemacht, wenn keine geeigneten Laufbahnbewerber vorhanden sind, jedoch ein großer Bedarf besteht – dann können auch andere Bewerber als Gerichtsvollzieher angenommen werden. Der Bedarf wiederum schwankt stark: 1994 wurden 109, 2010 dagegen gar kein Gerichtsvollzieher in Pegnitz ausgebildet. Länge und Inhalte des Lehrgangs sind abhängig von den vier Justizausbildungsstätten in Pegnitz, Monschau, Hannover und Berlin. Je nach Herkunftsbundesland wird der Bewerber von der zuständigen Landesbehörde – meist dem Oberlandesgericht – für die jeweilige Justizschule zugelassen (siehe Kasten). Als gebürtiger Sachse wurde zum Beispiel Alexander Kirmse in Pegnitz angenommen und eignet sich dort in 18 Monaten Theorie und Praxis des Berufs an. Der 34-Jährige schloss 2008 seine Ausbildung zum Justizfachwirt ab und war im Anschluss beim Sozialgericht Leipzig tätig. „An der Justizschule lerne ich jetzt, das Gesetz selbst in Stresssituationen sicher und schnell anzuwenden. Da man nie genau weiß, was im nächsten Moment passiert, sollte man einen kühlen Kopf bewahren und gelerntes Wissen sofort praktisch umsetzen können.“ Kirmse erweitert aber auch seine wirtschaftlichen Kenntnisse und übt den Umgang mit einer speziellen Software, die er für seine Arbeit braucht.

Für ihn besteht gerade in der großen Verantwortung und Abwechslung der Reiz seiner zukünftigen Tätigkeit: „Der Beruf des Gerichtsvollziehers ist so vielfältig, dass man sozusagen ein Allroundtalent sein muss, um ihn zu bewältigen“, bringt Kirmse die Herausforderung auf den Punkt. Trotz der hohen Ansprüche hat er seine Entscheidung für die Ausbildung nicht eine Sekunde bereut: „In der Justiz gibt es keine bessere Möglichkeit, eigenverantwortlich, selbstständig und mit viel Kontakt zu Menschen zu arbeiten.“ Kirmse wird den Lehrgang im Jahr 2013 abgeschlossen haben. Dann steht der Berufsausübung nichts mehr im Wege. Denn wie Norbert Coenen anmerkt: „Selbstverständlich und bedauerlicherweise wird es die zwangsweise Durchsetzung von Urteilen und somit auch die Arbeit des Gerichtsvollziehers immer geben.“

Info Justizausbildungsstätten:
– Bayerische Justizschule  Pegnitz für die Bewerber aus   Bayern, Sachsen, Thüringen   und Sachsen-Anhalt
– Ausbildungszentrum der Justiz NRW Nebenstelle Monschau   für die Lehrgangsteilnehmer  aus Nordrhein-Westfalen,
Baden-Württemberg,  Brandenburg, Hamburg,  Hessen, Rheinland-Pfalz  und Saarland
– Ausbildungsstätte in  Hannover   für die Bewerber   aus Niedersachsen, Bremen   und Schleswig-Holstein
– Ausbildungsstätte in Berlin

Besoldung:

Besoldungsgruppe A9 der jeweiligen Landesbesoldung

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