Berufsbilder


Feine Nähte für große Auftritte

Maßschneider am Theater
Aufwändige Kostüme: Der Rosenkavalier. Foto: nhDie Nähmaschinen rattern. Stoffbahnen türmen sich. Schnittmuster liegen aus. Ein leises Murmeln ist zu hören. Im Schneideratelier des Kasseler Staatstheaters herrscht reger Betrieb. Die Maßschneiderinnen kümmern sich dort um die Kostüme für die Inszenierungen. Mittendrin: Clara Merkel (19) aus Göttingen und Solveij Spitzer (23) aus Münster – sie machen eine Ausbildung zur Maßschneiderin für Damenkleider. Sie haben Spaß an der Mode und an der kreativen, handwerklichen Arbeit.

Sie erzählen unisono, dass es nicht so leicht gewesen sei, einen Ausbildungsplatz zu finden: „Wir haben uns bundesweit beworben.“ Clara, erstes Lehrjahr, sagt: „Von den vielen Stellen, für die ich mich in zwei Jahren beworben haben, war das Theater in Kassel der erste Arbeitgeber, der mich zum Probearbeiten eingeladen hat.“ Sie ist glücklich, dort einen Platz gefunden zu haben.

Natürlich hätten sie ihre Ausbildung auch in einem anderen Betrieb – einem Schneideratelier oder einer Schneiderwerkstatt – machen können. Doch es sollte unbedingt das Theater sein. Solveij, die im zweiten Lehrjahr ist, sagt: „Am Theater lernt man unglaublich viele Menschen kennen. Und mit Kostümen zu arbeiten ist sehr vielfältig.“ Maßschneider schneidern den Künstlern vieles auf den Leib: zum Beispiel historische Gewänder, Ballettkleider, Corsagen, Fantasie- und Tierkostüme.

Nicht nur an der Nähmaschine ist Konzentration gefragt. Foto: nhDie Schneiderei am Kasseler Staatstheater ist groß: Rund 50 Mitarbeiter wirken dort. Sie arbeiten für die drei Sparten des Hauses, die Oper, das Schauspiel und das Ballett. Einer ihrer Ausbilder ist Gewandmeister Michael Lehmann, der seit 30 Jahren dort arbeitet. „Je zwei Azubis arbeiten bei uns in der Damen- und der Herrenschneiderei“, erzählt er.

Der Arbeitstag in der Theaterschneiderei beginnt früh, zwischen 7 und 8 Uhr. Hier werden Kostüme nach den Ideen, Entwürfen und Anweisungen der Kostümbildner und Gewandmeister genäht oder bereits im Fundus vorhandene aufbereitet, geändert oder repariert. Neben der Werkstatt arbeiten die Schneiderinnen auch im Ankleidedienst bei den Vorstellungen am Abend. Dort helfen sie den Künstlern, die Kostüme an- und auszuziehen, und kümmern sich um Reparaturen. Auch hier ist ein gutes Händchen gefragt – im Umgang mit den unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten.

Auch Stella Koolmann (23) aus Dortmund und Theresa Grumpel (21) aus Würzburg machen am Kasseler Theater ihre Ausbildung, allerdings in der Herrenschneiderei – sie sind im zweiten und dritten Ausbildungsjahr. Stella erzählt von ihrem Alltag: „Ich arbeite an Stücken, die ich für meine Prüfung brauche, wie Sakkos und Hosen. Selten für Produktionen.“ Sie lernt, wie man Abnäher näht, Ärmel einsetzt, Kanten versäubert, Futter einnäht, Knöpfe einarbeitet.

Theresa sagt über die Voraussetzungen, die man für diesen Beruf braucht: „Geduld, Geschick und eine ruhige Hand.“ Sie hat, wie ihre Mitstreiterinnen auch, das Abitur in der Tasche. „Das ist nicht verpflichtend“, sagt Lehmann. Auch mit einem Haupt- oder Realschulabschluss habe man eine Chance, genommen zu werden. „Es kommt auf das Talent an. Und darauf, dass man ins Team passt.“ Deshalb schaut er sich die Kandidaten bei den Probearbeiten auch genau an.

Ab und an bleibt auch für die Azubis am Theater Zeit, für die laufenden Produktionen mitzuarbeiten. Clara erinnert sich, dass sie gleich zu Beginn ihrer Ausbildung an Kostümen mitwirken durfte – für Rossinis Oper „Der Rosenkavalier“. Mitgearbeitet hat sie einem Panier, ein Reifrock. „Das war toll“, sagt sie. Normalerweise sei das erst im dritten Ausbildungsjahr ein Thema.

In der Berufsschule steht die Theorie auf dem Plan: Angefangen beim Aufbau von Nähmaschinen und Bügelanlagen über Schnittkonstruktionen und Stoffe bis hin zu Kostümkunde und Kollektionsentwicklung. Die Aufgaben von Maßschneidern sind vielfältig: Sie beraten Kunden bei der Auswahl von Stoffen, Farben und Schnitten, erstellen Schnittschablonen, schneiden Stoffe zu, nähen, reparieren, modernisieren und ändern Kleidung und bügeln diese auch auf.

Ein Praktikum im Vorfeld einer Ausbildung zu machen, hält Clara für wichtig, damit man weiß, was später auf einen zukommt. Deshalb: „Wenn man das Glück hat, eine solche Möglichkeit zu bekommen, sollte man zugreifen.“ Auch Stella hat ein Praktikum gemacht, am Bonner Theater. „Da habe ich gemerkt, dass mir der Job unglaublich viel Freude macht.“

Wer später eine Stelle finden möchte, muss jedoch flexibel sein. Neben dem Theater bieten auch Film und Fernsehen Chancen, ebenso Schneiderateliers, Schneiderwerkstätten oder Bekleidungshäuser.

Fakten zur Ausbildung
Theresa Grumpel und Stella Koolmann mit Gewandmeister Michael Lehmann. Foto: nhOb klassisch oder ausgefallen: Wenn du dich für Mode interessierst, ist der Beruf des Maßschneiders genau das Richtige. Hier fertigst du individuelle Bekleidungsstücke statt Kleider von der Stange. Was Du brauchst? Ein Talent in der Stilberatung, hervorragende Materialkenntnisse, Geschick bei der Wahl der Stoffe und des Designs, ein flinkes und dennoch ruhiges Händchen für die perfekte Ausführung. Der Maßschneider ist ein dreijähriger anerkannter Ausbildungsberuf im Handwerk, der in zwei Schwerpunkten angeboten wird: Damen und Herren. Hier lernst Du Kleider, Kostüme, Jacken, Mäntel, Sakkos und Hosen zu nähen. Arbeitgeber und zum Teil auch Ausbildungsbetriebe sind Maß- und Änderungsschneidereien, Kostümabteilungen von Theatern, Filmstudios oder Fernsehanstalten, Bekleidungshäusern mit Änderungsdienst. Der Verdienst während der Ausbildung liegt zwischen 275 Euro und 325 Euro. Das Einstiegsgehalt für Berufsanfänger zwischen 1360 bis 1600 Euro brutto.

 

 

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