Berufsbilder


Hinter den Vitrinen

Kostbare Bücher, prunkvolles Sammelgeschirr und historische Gewänder – all das wird in den Museen präsentiert. Doch bevor diese Kulturgüter gezeigt werden, ist viel zu tun. Besonders die Arbeit des Restaurators ist gefragt.

Avantgardistisch und sportlich wirkt die Jacke aus hellbeigem, glänzendem Stoff mit auberginefarbigem Schlitzdekor. Eine zeitlose Kurzjacke, könnte man meinen, wäre sie nicht gelegentlich hinter einer Glasvitrine im Germanischen National Museum (GNM) in Nürnberg zu sehen. Eine Frau oder ein Mann trug um 1630 dieses Wams, das kürzlich in der Sonderausstellung „In Mode“ gezeigt wurde. Wämser waren keine geschlechtsspezifische Mode. „Die Kleidung stammt von Angehörigen aus der Oberschicht. Kleidung des „einfachen Volkes“ hat sich so gut wie gar nicht erhalten. Man kennt das ja auch von sich selbst. Was bewahrt man länger im Schrank auf? Kleidung, die irgendwie besonders ist und teuer war. Die schlichten T-Shirts kommen irgendwann weg“, erklärt Dr. Sonja Mißfeldt, Kunsthistorikerin und Pressesprecherin des Museums, und betont, wie Objekte im Museum den damaligen Alltag widerspiegeln.

„Dazu gehört noch eine Halskrause“, sagt Regina Rüdebusch. Die Halskrause war das modische Accessoire schlechthin. Regina ist eine der sechs Volontäre und arbeitet als Museumspädagogin. In Oldenburg studierte sie zunächst fürs Lehramt, entschied sich aber dann für eine andere Berufswelt. Weil sie bereits verschiedene Ausstellungen gestaltet und auch ihre Abschlussarbeit einem Thema aus der Museumsarbeit gewidmet hatte, bekam sie dieses Volontariat. Für die Ausstellung „In Mode“ im GNM erstellte sie dann das pädagogische Konzept für Familien, Kitas und Schulen. Dazu wälzte sie den Ausstellungskatalog, recherchierte viel über das Leben damals und ließ dann entsprechende Kleidung zum Hineinschlüpfen für die jungen Besucher anfertigen. „Bei den Kindern soll ein kleiner Film ablaufen. Sie sollen sich vorstellen können, was damals Frauen, Männer und Kinder getragen haben“, erklärt die Museumspädagogin.

Regina hat es gut getroffen mit ihrer Stelle als Volontärin im größten kulturgeschichtlichen Museum Deutschlands mit beeindruckenden Eckdaten wie einer Ausstellungsfläche von 30.000 Quadratmetern, rund 1,3 Millionen Objekten und um die 220 Mitarbeiter. Die Hauptarbeit im Museum liegt jedoch nach wie vor in den Händen der Restauratoren. Sie sorgen dafür, dass unersetzbare Originale (z.B. Gemälde, Möbel, Stoffe) erhalten bleiben. War früher der Berufseinstieg noch über eine handwerkliche Ausbildung möglich, geht es heute nur noch mit einem Studium. An insgesamt acht deutschen Akademien kann man sich zum Restaurator ausbilden lassen. Von Chemie und Biologie, über Kunstgeschichte und Archäologie, von Werkstoffkunde und Mikroskopie bis zur Methodik der Konservierung ist es eine breite Palette verschiedener Fächer, was wiederum eine abwechslungsreiche Ausbildung garantiert.

An der Staatlichen Akademie für Bildende Künste in Stuttgart studiert Lena Hönig. Sie ist auch eine der Sprecherinnen der Interessengruppe „Restauratoren in Ausbildung“ beim Verband der Restauratoren. Ihr Abitur machte sie in Neumarkt bei Nürnberg. Anschließend stand ein Jahr Praktikum in Hamburg auf dem Plan. Museen, Landesakademien und freiberufliche Restauratoren-Ateliers eignen sich für ein Praktikum.

Auf die Frage, was man denn für dieses Studium unbedingt mitbringen sollte, überrascht sie mit ihrer Antwort. „Geduld“, sagt Lena. Seit Oktober sitzt sie an einem Rock aus Pflanzenfasern aus den Jahren um 1920, den Menschen in der Südsee trugen. „Der Rock hat hunderte von gerissenen und ausgefransten Fasern, die ich sehr sorgfältig zuerst reinigen und dann in einen Zustand bringen muss, um einen weiteren Verfall zu verhindern“, erklärt die 22-jährige Studentin. Auch ihre Uni hat Lena bewusst ausgewählt. Sie selbst bezeichnet sich als keine Theoretikerin und wünschte sich daher auch schon im Studium viel praktische Erfahrung. An der Stuttgarter Uni hat sie an zwei Tagen Vorlesungen, an drei Tagen arbeitet sie in einer der universitären Werkstätten.
Zurück ins GNM nach Nürnberg. Wenn ein Objekt ausgestellt wird, ist die Zusammenarbeit mit der Technischen Abteilung gefragt. „Früher war die Vitrine nur eine Glashaube um das Objekt“, bemerkt Horst Gollwitzer lakonisch. Er leitet die technische Abteilung im Museum. Die gesamte Präsentation ist aufwendiger als früher. „Bei den Stoffen in den Vitrinen müssen wir auf schadstoffarme Materialen achten“, sagt er. Zusammen mit dem Restaurator hat er außerdem für adäquate Bedingungen rund um das Kunstwerk zu sorgen. Zum Beispiel für angemessene Lichtsituationen, für konstante Temperatur und Feuchtigkeitswerte in den Ausstellungsräumen. Bleibt noch das Thema „Leihgaben“. Im Zeitalter der Großausstellungen werden Kunstschätze oft verliehen. Auch hier muss der Restaurator sicherstellen, dass die Rahmenbedingungen stimmen. „Jede Bewegung eines Kunstwerkes ist ein Risiko“, betont Pressesprecherin Sonja und zeigt somit nochmals auf, wie vielschichtig die Arbeit mit Kulturgütern ist.

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