Branche


Subventionierte Ausbildung

Im Steinkohlenbergbau sind die Lichter noch nicht aus

bergbau_web.jpgIn Deutschland geförderte Steinkohle ist mit 160 Euro pro Tonne etwa zweieinhalb mal so teuer wie Importkohle aus dem Ausland, etwa aus Australien, den USA, der Ukraine oder Indonesien. Die acht verbliebenen deutschen Bergwerke, von denen sieben in Nordrhein-Westfalen und eine im Saarland stehen, können daher nur mit Subventionen überleben. Allein in diesem Jahr zahlen Bund und Länder dafür rund 2,1 Milliarden Euro.

Eine Menge „Kohle“ könnte man sagen. Im Gegenzug wird Deutschland ein kleines bisschen weniger abhängig von importierter Energie und derzeit noch 33000 Bergleute haben einen Job. Ist es sinnvoll hier überhaupt noch eine Ausbildung anzufangen? Wahrscheinlich nicht, wenn man von einer Zukunft als Bergmann in einer deutschen Kohlenzeche träumt. Denn diese Zukunft ist voraussichtlich 2018 zu Ende. Nach den derzeitigen Plänen soll die letzte Grube dann dicht machen und eine mehrere hundert Jahre alte Industriegeschichte damit zu Ende gehen.

ZUKUNFTSBERUFE IM BERGBAU
Und trotzdem redet die Deutsche Steinkohle AG (DSK), die Betreiberin der letzten Zechen, von Zukunftsberufen im Bergbau. Wie kann das funktionieren? „In meiner Ausbildung lerne ich echte Spitzentechnologien aus dem Bergbau kennen. Die sind weltweit gefragt und kommen hier vor Ort oft sogar zum ersten Mal zum Einsatz. So habe ich in Sachen Hightech die Nase vorn, und das bringt mich auch in Zukunft beruflich weiter“, sagt Matthias Dilly, Auszubildender auf dem Bergwerk Prosper-Haniel in Bottrop. Seit einem Jahr erlernt er den Beruf des Elektronikers für Betriebstechnik und hat damit eine heiß begehrte Lehrstelle bekommen. Allein hier bewerben sich jedes Jahr rund 1000 junge Leute für eine Ausbildungsstelle auf dem örtlichen Bergwerk.

ZEHN BEWERBER AUF EINE LEHRSTELLE

Auf eine Lehrstelle kommen rechnerisch etwa zehn Bewerber – die aber nicht allein die Zukunftsorientierung reizt. Gregor Student, Bereichsleiter Personal- und Organisationsentwicklung auf Prosper Haniel, nennt weitere Gründe: „Unsere Ausbildung hat auch didaktisch einen hervorragenden Ruf. Weit über 90 Prozent unserer Auszubildenden bestehen ihre Abschlussprüfungen, fast alle mit guten Noten.“ Die DSK ist mit derzeit 418 Lehrstellen der größte Ausbildungsbetrieb in Bottrop. 325 Auszubildende sind direkt auf dem Bergwerk tätig, davon 15 auf der Kokerei. 93 im Servicebereich Belegschaft. Insgesamt, sagt der DSK-Konzern, mache er jedes Jahr „mehr als 3200 junge Menschen in Zukunftsberufen fit.“

Leute, die das Unternehmen selbst quasi nicht mehr braucht. Die DSK hatte im vergangenen Jahr angekündigt, 2007 keine Azubis mehr zu übernehmen. „Im Moment sind wir der Ansicht, dass wir die Ausbildung weiterfahren sollten – aus gesellschaftlicher Verantwortung, denn ein beträchtlicher Teil der Ausgebildeten wechselt zu Handwerksbetrieben und Mittelständlern, die nicht selbst ausbilden,“ sagt Werner Müller, ehemals Bundeswirtschaftsminister unter Gerhard Schröder und jetzt Chef des DSK-Mutterkonzerns RAG.

MODERNE BERUFE
„Die Ausbildung junger Leute kostet die RAG etwa 250 bis 300 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren“, sagt Müller. „Wir ‚leisten’ uns das für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Nordrhein-Westfalen – insbesondere des Ruhrgebiets,“ so der Konzernchef. „Ohne die Perspektive, die ein Ausbildungsplatz Jugendlichen eröffnet, fürchte ich, dass auch bei uns soziale Krisen wie jüngst in Frankreich ausbrechen könnten.“ Der Schwerpunkt der Ausbildung bei der DSK liegt auf den modernen Metall- und Elektroberufen – überwiegend Industriemechaniker, Mechatroniker und Elektroniker für Betriebstechnik, aber auch kaufmännische Berufe. Der Anteil der klassischen bergtechnischen Berufe beträgt hingegen kaum noch acht Prozent.

ZUSATZQUALIFIKATIONEN VERMITTELN
Neben den gesetzlich vorgeschriebenen Ausbildungsinhalten werden darüber hinaus auch Zusatzqualifikationen vermittelt. Alle Auszubildenden nehmen zum Beispiel an einem TÜV-zertifizierten Lehrgang zur „Qualitätsfachkraft“ teil. Ganz solide Voraussetzungen eigentlich für den späteren Berufseinstieg, würde das Ruhrgebiet nicht unter einer immens hohen Arbeitslosenquote leiden.

Immerhin hat die Ausbildung beim großen Kohlekonzern, bei dem noch vor ein paar Jahrzehnten viele Hunderttausende beschäftigt waren, traditionell einen guten Ruf. „Eine schlechte Ausbildung war bei uns einfach nicht möglich“, erinnert sich Karl Wegemann, der in den 50er Jahren als „Stift“ auf dem Bergwerk Hannibal in Bochum angefangen hatte. „Das war schon allein eine Frage der Sicherheit unter Tage.“

KNOW-HOW AUS BERGBAU WEITERGEBEN

Gregor Student beschreibt die Philosophie der Ausbildung heute:„Wir geben unser Know-how aus dem Bergbau weiter und schaffen mit einer hoch qualifizierten Ausbildung Zukunfts- und Lebensperspektiven für junge Menschen – eine Aufgabe, die wir in der heutigen Zeit gern übernehmen.“ Den hohen Qualitätsstandard der Ausbildungsgänge gewährleistet der Servicebereich Belegschaft. Hier hat die zentrale Koordination der Ausbildung innerhalb der DSK ihren Platz. Und hier werden auch alle Auszubildenden für kaufmännische Berufe ausgebildet, bevor sie in den anderen Fachbereichen des Unternehmens eingesetzt werden. Ist eine Ausbildung in Deutschlands großem Bergbaukonzern also zu empfehlen? Ein klares Ja oder Nein gibt es dazu nicht als Antwort. Wer aus dem strukturschwachen Ruhrgebiet kommt und nicht wegziehen kann oder will, für den kommt dies vielleicht in Frage. Auch wenn es nach den drei Jahren Lehrzeit erst mal keine klaren Zukunftsperspektiven gibt. „Werde ich nach der Ausbildung übernommen?“ heißt es auf der Website der DSK unter der Rubrik häufig gestellter Fragen von Bewerbern. „Die Frage der Übernahme verhandeln die Tarifpartner jährlich neu,“ lautet die wenig Hoffnung machende Antwort.

STUDIUM NACH DER AUSBILDUNG

Ganz anders sieht es übrigens aus, wenn man überlegt, nach der Ausbildung ein Studium anzuhängen und dann eventuell sogar ins Ausland zu gehen. Denn weltweit boomt der Bergbau und braucht dringend Fachkräfte. Von „besten Studienbedingungen und einem ganz weiten Feld für den Berufseinstieg“, schwärmt etwa Reik, der an der RWTH Aachen Bergbauwesen studiert hat. „Kein Bergbauabsolvent ist heute noch auf einen Arbeitsplatz in dem hoch subventionierten deutschen Steinkohlenbergbau angewiesen. Die Einstiegschancen reichen von großen internationalen Bergbaukonzernen und Bergbauzulieferern über Behörden und Ingenieurbüros bis zu Banken und Unternehmensberatungen.“ Bergbau kann man außer in Aachen auch an der TU Clausthal oder der TU Bergakademie Freiberg studieren. ¦

Teilen, drucken, mailen:

Diskussion

Keine Kommentare zu “Subventionierte Ausbildung”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

WP2Social Auto Publish Powered By : XYZScripts.com

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung erklärst Du Dich damit einverstanden. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen