Kaleidoskop


Generation Praktikum

Jung, flexibel, mittellos

Learning by doing: Im Praktikum wird das häufig übertrieben. Wo sich junge Menschen verheizt sehen und Unternehmen flexibel bleiben möchten, wird der Ruf nach der Politik laut.

Franka zeigt sich genervt. Mehr als ein halbes Dutzend Praktika hat sie gemacht im letzten Jahr, einige davon schon nach ein paar Tagen oder Wochen abgebrochen, in anderen bis zu drei Monate verbracht. Herausgekommen ist dabei nichts, zumindest kein fester Ausbildungsplatz als Mediengestalterin, von dem sie immer noch träumt. Die 20-jährige Kölnerin will ihren Nachnamen nicht nennen, aus Sorge, ein zukünftiger Ausbildungschef könnte von ihrer Odyssee quer durch die Marketingagenturen und Designstudios der Republik abgeschreckt werden.

Fragen nach ihrer Arbeit, ihrer Finanzierung, ihrem Lebensgefühl kann Franka nicht mehr hören. Sie verkörpert mit ihrem Patchwork-Lebenslauf musterhaft die so genannte Generation Praktikum, zu der Abiturienten genauso gehören wie Leute mit Studienabschluss oder Hauptschulabsolventen. Viel Arbeit, zeitliche und örtliche Flexibilität und wenig Geld verspricht das Nomadenleben der Praktikanten. Das hat mittlerweile auch die Bundesregierung erkannt und will helfen.

Studie weckt die Politik
„Praktika dürfen nicht an die Stelle fester Anstellungsverhältnisse treten“, sagt das undesarbeitsministerium. Im Mai hatte es eine Studie vorgestellt, für die über 2000 junge Leute zu ihren Praktikumserfahrungen befragt wurden. Die Ergebnisse haben die Politiker aufgerüttelt.

Obwohl alle Interviewten eine Ausbildung absolviert hatten, erhielten 51 Prozent von ihnen freiwillige Praktika gar nicht vergütet, bei zwölf Prozent war die Vergütung unangemessen und bei nur 37 Prozent angemessen. Und immerhin ein Viertel aller 18- bis 24-jährigen hat schon mal ein Praktikum gemacht. Am häufigsten werden Praktika von schulisch Ausgebildeten absolviert (31 Prozent), gefolgt von den Erwerbstätigen, die einen Studienabschluss haben (24 Prozent). Mit einer abgeschlossenen betrieblichen Ausbildung mussten nur 19 Prozent den Gang in eines der meist schlecht bezahlten Praktika antreten.

Nur 22 Prozent übernommen
Die befristeten Tätigkeiten helfen zwar manchmal in den Job einzusteigen, sind aber alles andere als eine Garantie dafür. Von allen Berufseinsteigern, die nach ihrer Ausbildung ein Praktikum absolviert haben, wurden lediglich 22 Prozent vom selben Arbeitgeber übernommen. 13 Prozent fanden nahtlos eine Anschlusstätigkeit bei einem anderen Betrieb.

“Praktika sind sinnvoll, aber es gibt Missbrauch, und dagegen muss man etwas Sinnvolles tun“, sagt Arbeitsminister Olaf Scholz und will was unternehmen. Gefragt seien „smarte Eingriffe“ aber kein Umbau des gesamten Arbeitsrechts. Für sein Vorhaben rechnet Scholz auch mit der Unterstützung der CDU, vor allem da er keinen Mindestlohn für Praktikanten vorschreiben oder Praktika gar verbieten will.

Sehrbrock fordert Grenzen
Passiert ist bisher allerdings nichts. Der Deutsche Gewerkschaftsbund kritisiert das. Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock sagt: „An der gesetzlichen Grundlage ändert sich nichts. Schon heute soll ein Praktikum ein ‚Lernverhältnis’ und die Vergütung ‚angemessen’ sein. Wir wissen, dass sich viele Unternehmen darum keinen Deut scheren.“

Sehrbrock forderte den Arbeitsminister auf, Praktika generell auf drei Monate zu begrenzen. „Der Arbeitsminister hat es in der Hand, den Missbrauch von Praktika auszuschließen. Eine zeitliche Begrenzung per Gesetz ist das einfachste Instrument, um sicher zu stellen, dass das Praktikum tatsächlich ein Lernverhältnis ist. Je länger Praktika dauern, desto größer ist die Gefahr, dass sie reguläre Beschäftigung ersetzen sollen.“

Globalisierung schuld?
Harsche Kritik gibt es auch aus der Wissenschaft an den derzeitigen Zuständen. „Die Jungen müssen sich zunehmend mit befristeten Arbeitsverträgen, phasenweise niedrigem Verdienst oder qualitativ schlechter Arbeit anfreunden“, sagt  der Soziologe Hans-Peter Blossfeld von der Universität Bamberg. Verantwortlich macht er dafür die Globalisierung, die in den Industrienationen massive Unsicherheiten produziere. Die Arbeitgeber versuchen, diese Unsicherheit an die Arbeitnehmer weiterzugeben. Und dabei trifft es vor allem Berufseinsteiger, die sich flexibel zeigen müssen.

„Das Stimmungsbild spiegelt klar die Entwicklung, die junge Menschen tatsächlich zu Verlierern macht“, erklärt der Soziologieprofessor die Zukunftsängste junger Menschen. Er hat in 18 Industriestaaten in seinem Projekt „Globalife“ die Lebenssituation der Generation der Berufseinsteiger untersucht. Und auch die niedrige Geburtenrate ist für ihn durchaus ein Phänomen der Generation Praktikum: „Wer nicht weiß, ob er nächstes Jahr Arbeit hat, schiebt die Familiengründung auf.“

1000-Euro-Generation
In Italien und Spanien kennt man die Problematik auch, spricht dort von der „Generation Mille Euro“, „die 1000-Euro-Generation“ mit hunderttausenden junger Leute, die für kleines Geld und befristeten Verträgen arbeiten gehen. In Frankreich randalierten die Praktikanten vor ein paar Jahren so lange durch die Straßen, bis sie eine geplante Regelung zu einer zweijährigen Probezeit für Berufseinsteiger verhindern konnten. Und auch für Österreich zeigt eine aktuelle Studie, dass es das Problem gibt.

Das Bundesarbeitsministerium bietet momentan lediglich gute Ratschläge auf seiner Internetseite, wie Praktikanten immerhin ihre grundlegenden Rechte schützen können. Schüler, Studenten und Auszubildende, die das Praktikum nur zum Kennenlernen des Berufslebens machen, haben nur wenig worauf sie wirklich bestehen können. Weder Lohn, Fahrtkostenerstattung noch ein Zeugnis sieht die deutsche Gesetzeslage als Pflicht für den Arbeitgeber vor. Lediglich grundlegende Schutzrechte wie ein Nachtarbeitsverbot für Minderjährige und ähnliches gibt es.

Fair Work
Wahrscheinlich muss zunächst einmal der Druck von Seiten von Betroffenen wie Franka steigen, bevor die Politik ernsthaft durchgreift. Erstmals wurde 2004 ein Verein gegründet, der die Interessen von Praktikanten vertritt. Die DGB-Jugend und der Verein Fair Work haben letztes Jahr eine Petition beim Bundestag eingereicht, die vorsieht, Praktika und ähnliche Lernverhältnisse per Gesetz eindeutig von Arbeitsverhältnissen abzugrenzen, damit sie keine regulären Stellen ersetzen. Außerdem sollen Praktika zukünftig auf drei Monate begrenzt und mit mindestens 300 Euro pro Monat vergütet werden. Die Petition unterzeichneten über 60000 Menschen. ¦

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