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Ausbildung zum Klavier- und Cembalobauer

Tischler und Stimmmeister in einem

klavierbauer1Viele alte Handwerksberufe sind aufgrund fortschreitender Industrialisierung verschwunden. Nicht so der Klavierbauer. Handwerkliches Geschick und Verantwortungsbewusstsein sind wichtig für die Arbeit in der Klangwerkstatt. Vor einem Jahr begann Daniela Tomm ihre Lehre bei „Schoke Flügel & Pianos“ in Köln. Eigentlich hatte sie vor, selbst Musik zu machen, gerne als Sängerin, und wollte sich mit dem Studium der Musikwissenschaft eine fundierte Grundlage schaffen. „Aber als ich ein Praktikum in der Klavierwerkstatt machte, erkannte ich, dass mir das Handwerkliche viel mehr Spaß macht“, sagt die 29-Jährige.

Soft Skills sind gefragt
Klavierbauen hat mehr mit Handwerken als mit Musizieren zu tun. Die vielen Einzelteile des Instrumentes sind aus ganz unterschiedlichen Materialien wie Holz, Filz und Metall, die wiederum bis auf das kleinste Detail aufeinander abgestimmt und eingestellt sind. Deshalb prüft Klavierbauer Christian Schoke bei seinen Bewerbern vorab, ob sie nicht nur schöne Etüden spielen können, sondern wirkliches Interesse für dieses Handwerk haben. „Musikalische Vorkenntnisse oder das Schulabschlusszeugnis ist für mich nicht absolut ausschlaggebend. Die persönliche Ausstrahlung ist viel wichtiger“, erklärt Christian Schoke. „Ich muss das Gefühl haben, dass mein Lehrling Teamfähigkeit mitbringt, sorgfältig arbeitet und auch den Wert des Instrumentes zu schätzen weiß.“

Vornehmlich die Großen
Seine Kölner Werkstatt zählt zu den kleinen Betrieben in der Branche. Neben einem Lehrling beschäftigt Christian Schoke noch zwei Mitarbeiter, eine Bürokraft sowie einen weiteren Klavierbauer. Restaurierung, Reparatur, Verkauf und Verleih sowie Stimmen vom einfachen Klavier bis zum Konzertflügel sind sein Metier. Obwohl sich der Beruf Klavier- und Cembalobauer nennt, übernehmen heutzutage den tatsächlichen Bau des Instrumentes vorwiegend große Firmen wie Bechstein und Steingräber.

Von staubig bis filigran
In der Werkstatt hat Daniela Tomm verschiedene Arbeitsplätze. „Wir haben drei Stationen“, erklärt sie. Eine für das Zerlegen des Instruments in seine Einzelteile, eine für staubige Holzarbeiten und eine für feine Arbeiten wie das Regulieren der Mechanik oder das Intonieren. Von Anfang an stand das Reparieren von Instrumenten auf dem Plan. „Wenn ein neuer Arbeitsschritt ansteht, führe ich ihr zunächst die Arbeitschritte vor und erkläre, worauf zu achten ist, danach führt sie die Arbeitsschritte in meinem Beisein aus und schließlich selbstständig“, sagt der Ausbilder.

Exaktes Vorgehen
Akribisches Arbeiten wird verlangt. Wenn Daniela Tomm ein Instrument zerlegt, muss sie jedes Teil, sei es eine Taste, eine Hammernussfeder oder die Hammerköpfe, genau beschriften. „Das ist sehr wichtig, weil nach der Reparatur jedes Teil wieder exakt an seinen Platz gesetzt werden muss“, sagt die Auszubildende. Damit sie auch später genau nachvollziehen können, wer was wann am Instrument gemacht hat, gibt es für jedes Teil eine Laufkarte.

Alles per Hand gefertigt
klavierbauer2In der Werkstatt selbst gruppieren sich neben Leim- und Lacktöpfen gängige Handwerkzeuge wie Schraubzwingen, Stemmeisen, Hobel in verschiedenen Größen, Sägen für Holz und Eisen, Bohrer und Schraubenzieher. Alles wird per Hand gefertigt. „Nur was wir wirklich nicht mehr reparieren können, wird ersetzt“, betont Daniela Tomm. Wenn der Resonanzboden, der ganz entscheidend zum Klang beiträgt, Risse hat, wird er bei Schoke repariert. Dazu muss Daniela Tomm das Instrument aber vollständig auseinander-nehmen, alle Saiten und die schwere Gusseisenplatte entfernen. Ist der Resonanzboden repariert und die Gusseisenplatte wieder eingesetzt, müssen noch neue Saiten aufgezogen und das Instrument Stück für Stück wieder zusammengefügt werden. Im ersten Lehrjahr hat Daniela Tomm schon 10 Klaviere und Flügel auseinandergenommen und staunt noch immer über die Vielschichtigkeit ihrer Arbeit.

Nur noch eine Schule
Ihr Weg zur Berufsschule ist ziemlich weit. Zweimal sechs Wochen Blockunterricht in Ludwigsburg bei Stuttgart. Für die Klavierbauer gibt es nur noch die eine Adresse in Deutschland, die Oskar-Walcker-Schule, benannt nach einem bekannten Orgelbauer. Die Ludwigsburger Fachschule gilt sogar im Ausland als Expertenschmiede nicht nur für Klavierbauer, sondern ebenso für Orgelbauer und Blasinstrumentenmacher. Die duale Ausbildung für Klavier- und Cembalobauer dauert 3,5 Jahre. In allen drei Jahrgängen lernen zur Zeit etwa 150 Klavierbauer. Eine Männerdomäne ist dieser Beruf längst nicht mehr, da inzwischen fast 50 Prozent der Schüler Frauen sind.

Ausdauer und Geduld
Als Qualifikation benötigt man Haupt-, Realschulabschluss oder Abitur. Daneben hält Gunther Schaible, technischer Oberlehrer in der Werkstatt der Oskar-Walcker-Schule, auch Eigenschaften wie Ausdauer und Geduld für bedeutsam. Schließlich müssen die Azubis über alle 10000 Teile des Instruments Bescheid wissen und im Laufe ihrer
Ausbildung erkennen können, wo der Schaden liegt. Auch auf die Bereitschaft, methodisch zu arbeiten, kommt es an. „Wenn die Tastatur überholt werden muss, dann sind eben nacheinander die Tasten 1 bis 88 zu reinigen und polieren. Das ist sicher eine langweilige Aufgabe, bei der man aber höchst routiniert und planmäßig vorgehen muss“, erklärt der Lehrer. Das ist für viele auch eine Herausforderung. Er beobachtet, dass viele Schüler oftmals zu kopfgesteuert ihre Arbeit angehen und dann leider ihre handwerkliche Kreativität zurückstellen. „Für diese Ausbildung sind gute Hauptschulabsolventen gleichermaßen geeignet wie Abiturienten“.

Management im Handwerk
Insbesondere für Abiturienten bietet die Schule das Fach „Management im Handwerk“ an, eine vertiefte betriebswirtschaftliche Ausbildung inklusive Wirtschaftsenglisch, technisches Englisch und Computertechnik. „Das ist schon ein Teil der Meisterprüfung“, so Gunther Schaible. Die Oskar-Walcker-Schule ist für Azubis im Handwerk und der Industrie, also sowohl für Leute, die Klaviere in einer Klavierfabrik bauen, als auch für diejenigen, die in einem Handwerks- und Servicebetrieb – darunter sind Musikhäuser und Piano-Häuser mit Werkstatt zu verstehen – arbeiten.

Und wie geht es weiter?
Nach der Ausbildung sollen die Schüler in der Lage sein, sich mit den verschiedenen Anforderungen von Konzertsaal, Musikschule und nicht zuletzt den Bedürfnissen der Interpreten auseinandersetzen zu können. „Der Markt ist im Moment gut. Fachleute werden gesucht“, sagt Gunther Schaible. Man müsse aber auch bereit sein, ein wenig hin- und herzuziehen. Das Anfangsgehalt eines gelernten Klavierbauers liegt bei 2000 Euro.

Gut gestimmt
Am Anfang des zweiten Lehrjahres wird sich Daniela Tomm mit dem Zustand der Hammerköpfe beschäftigen. Lohnt es sich, die Hammerkopffilze neu in Form zu feilen und wieder präzise auf die Saite einzurichten, locker gewordene Hammerköpfe neu zu verleimen, oder sind sie schon so verschlissen, dass sie ersetzt werden müssen? Diese und andere Fragestellungen kann sie vielleicht beim nächs-ten gemeinsamen Essen schon mal ansprechen. Zwei- bis dreimal im Jahr lädt Christian Schoke zu einem Mittagessen im Restaurant um die Ecke ein. Gute Stimmung im Betrieb ist für den Klavierbaumeister ebenso wichtig wie warme und volle Stimmung beim Klavier.

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