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Heilpädagoge: Ein Herz für das Anderssein

Diplom-Heilpädagoge Mario Schönewald gefällt es, in der Betreuung kreativ zu arbeiten. Foto: Mario ZgollAn diesem Ort ist es normal, anders zu sein. „Ich habe ein großes Herz für das Anderssein“, sagt Mario Schönewald. Er arbeitet als Diplom-Heilpädagoge in der Vitos Heilpädagogischen Einrichtung Kurhessen (HPE) in Bad Emstal, die Menschen mit geistiger Behinderung und besonderem Betreuungsbedarf ein Zuhause gibt. Er ist dort als Leiter der Tagesstruktur zuständig für die Beschäftigungs- und Förderangebote, die in Fördergruppen und in der Einzelbetreuung (…) auf dem Plan stehen. Jeden Tag kommen 13 Besucher zu ihm in die Förder- und Begegnungsstätte, insgesamt werden vom gesamten Team über 30 Menschen mit einer geistigen Behinderung dort betreut. Es sind Menschen, die in ihrer körperlichen, geistigen, emotionalen und sozialen Entwicklung aufgrund ihrer Behinderung zurückgeblieben sind. Ihnen ist es zum Beispiel nicht möglich, mit Gefühlen wie Freude, Trauer oder Wut umzugehen und sie lautsprachlich auszudrücken.

Bewohner sollen sich zuhause fühlen
Jeder Tag ist für Mario Schönewald eine Herausforderung. „Aufgrund ihrer komplexen Behinderung und/oder ihres herausfordernden Verhaltens brauchen diese Menschen eine intensive Betreuung. Viele von ihnen haben zusätzliche behinderungsbedingte Beeinträchtigungen wie Körper-, Sprach und Sinnesbehinderungen, psychische Erkrankungen oder eine Form von Autismus“, sagt Mario Schönewald. Für ihn ist sehr wichtig, dass sich die Bewohner auch wirklich zuhause und verstanden fühlen: „Ich nehme jeden von ihnen ernst. Meine Arbeit orientiert sich ihren Wünschen und Bedürfnissen. Entscheidend ist die Welt aus ihrer Sicht.“ Das heißt, jeder erhält nach Möglichkeit eine individuelle und bei Bedarf auch sehr intensive Betreuung und Unterstützung, die für sein Leben wichtig sind.

Der Tag hat viele Gesichter
In einem Ferienprojekt arbeitete Mario Schönewald mit ihnen an Masken. Jeder gestaltet seine eigene Maske, später spielen sie auch gemeinsam damit. „Damit können sie nonverbal sprechen, ihren Emotionen Ausdruck verleihen“, sagt Mario Schönewald. Farben, Formen und das Gestalten sind ein Teil des therapeutischen und pädagogischen Angebots der Tagesstätte. „Dabei entstehen oft sehr individuelle Werke“, erzählt Mario Schönewald. Das Angebot der Tagestätte ist vielfältig: Von der pflegerischen Betreuung über kreatives Gestalten bis zu musischen Erfahrungen – der Tag hat hier viele Gesichter.

Hauswirtschaft, Bewegung und mehr
Jeweils von montags bis freitags von 9 bis 11.30 Uhr und 13.30 bis 15.30 Uhr stehen Angebote zur Verfügung. Alle zwei Wochen werden am Wochenende Aktivitäten angeboten. Dazu zählen neben der Werkstattarbeit auch Tätigkeiten in der Küche und in der Hauswirtschaft – zum Beispiel gemeinsames Kochen und Backen oder Wäsche zusammenlegen. Ebenso gehört Bewegung zum Programm: Spaziergänge, Ballspiele oder Gymnastik. Oder zur Entspannung Fußbäder oder Massagen. „Wir sind dafür zuständig, dem Alltag der Menschen eine sinnvolle Struktur zu geben, sie in das Leben zu integrieren, ihre Potenziale zu erkennen und zu fördern und auch ihr Leben zu verschönern“, sagt Mario Schönewald.

Über den Zivildienst zum Beruf
Der 40-Jährige arbeitet seit sieben Jahren als Heilpädagoge in der HPE. Zu seinem Beruf ist er über den Zivildienst gekommen. „Ich fand die Arbeit in einem Heim sehr spannend“, sagt er. So hat er den Entschluss gefasst, dieses Fach zu studieren. Die Ausübung der Berufstätigkeit ist reglementiert. Für den Zugang zur Tätigkeit werden ein Abschluss als Heilpädagoge, entweder in Form eines Hochschulabschlusses oder im Rahmen einer Weiterbildung und die staatliche Anerkennung gefordert. Der erfolgreiche Abschluss berechtigt, die Berufszeichnung „Staatlich anerkannte Heilpädagogin/Staatlich anerkannter Heilpädagoge“ zu führen. Diese staatliche Anerkennung gilt bundesweit. Heilpädagoginnen können eine eigene Praxis führen oder im Anstellungsverhältnis arbeiten.

Auch Psychologie gehört dazu
Zu den theoretischen Fächern zählen unter anderem Heilpädagogik, Pädagogik, Psychologie, Medizin, Soziologie, Rechtskunde, Didaktik und Methodik. Um beispielsweise eine gute Erziehungsberatung leisten zu können, werden im Fach Psychologie die fachtheoretischen Grundlagen vermittelt. Im Studium werden auch heilpädagogische Methoden vermittelt. Dazu zählen beispielsweise Psychomotorik, Wahrnehmungsförderung, Heilpädagogisches Spiel, Rhythmisch-musische Angebote, Heilpädagogische Sprachförderung, Verhaltensmodifikation, Kreatives Werken und Gestalten, Tanz, Entspannungsmethoden, Systemische Beratung und Gesprächsführung. „Die Psychomotorik zum Beispiel dient dazu, über Spiel und Sport die Seele anzuregen, Bewegungsrückstände aufzuholen und ein psychisches Gleichgewicht herzustellen“, berichtet Mario Schönewald.

Diplomarbeit über Maskentheater
Er selbst ist ein sehr kreativer Mensch – etwas, das ihm bei seiner Arbeit zugute kommt. „Ich arbeite gerne kreativ, künstlerisch und handwerklich. (…) Es sind Mittel, mit denen man viele Menschen erreicht, sie mitmachen und man schnell Erfolge erzielt“, sagt er. Neben dem Studium der Heilpädagogik an der ev. Fachhochschule in Bochum hat er begleitend eine Ausbildung zum Theaterpädagogen absolviert. Seine Diplomarbeit hat er aus diesem Grund auch über das Maskentheater geschrieben

Praktika während des Studiums
Während seines Studiums hat Mario Schönewald drei Praktika absolviert – jeweils eines im Werkstatt-, Wohn- und Schulbereich. „Sie haben vier bis sechs Wochen gedauert. Es ist gut, in die jeweiligen Arbeitsbereiche hineinzuschnuppern“, sagt er rückblickend. Er rät, bereits im Vorfeld des Studiums Praktika zu absolvieren, um sich ein Bild von dem Beruf und dem, was man dafür mitbringen muss, machen zu können. Wichtig ist eine wertschätzende Haltung den Menschen gegenüber, ein positives Menschenbild, Feinfühligkeit, Geduld, Offenheit, Flexibilität, analytisches Denken, kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit, Belastbarkeit und das Talent, viel geben zu können. „Man muss den Menschen als Ganzes betrachten – seine Einschränkungen, Gesundheit, Familie, Talente, Potenziale und Probleme“, fasst er zusammen.

Mit Lieblingsaktivitäten punkten
Dass er sich für den Arbeitsbereich der Tagesstätte entschieden hat, empfindet er als richtig. „Hier kann ich mit meinen Lieblingsaktivitäten punkten“, sagt er. Im Wohnbereich gehöre zum Beispiel auch die Pflege dazu – das liege nicht jedem. „Es ist mein Traumberuf. Man bekommt von den Menschen sehr viel zurück“, sagt er weiter. Neben der praktischen Arbeit gehört für ihn jedoch auch Bürokratie zum Arbeitsalltag: Besprechungen, Visiten, Entwicklungsberichte, Dokumentationen und Förderplanungen. „Man muss bereit sein, ja zur Veränderung zu sagen. Auch wenn diese häufig nur minimal wahrzunehmen ist“, sagt Mario Schönewald. „Um Ziele zu erreichen, muss man lernen bedarfsorientiert zu arbeiten. Es geht für mich darum, jeden Tag zu schauen wie die Situation ist und zu reagieren.“

Was tun Heilpädagogen?
Heilpädagogen erziehen, fördern und unterstützen Menschen jeden Alters, die unter erschwerten Bedingungen und mit Beeinträchtigungen leben – zum Beispiel Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistiger Behinderung, Sinnes- und Mehrfachbehinderung oder chronischen Erkrankungen sowie Kinder und Jugendliche mit emotionalen und mit Verhaltensstörungen. Durch den Einsatz entsprechender therapeutischer und pädagogischer Maßnahmen fördern sie vorhandene Fähigkeiten und beugen Behinderung und sozialer Ausgrenzung vor. Heilpädagogen arbeiten zum Beispiel in Wohn- und Pflegeheimen sowie Tagesstätten für Menschen mit Behinderung, in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe wie Beratungsstellen, teilstationäre und stationäre Einrichtungen, Kliniken und Therapiezentren, Gemeinschaftspraxen, Kindergärten und -horte. Darüber hinaus bieten auch kirchliche Wohlfahrtsverbände und integrative Einrichtungen, in denen Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam ihren Alltag gestalten, weitere Tätigkeitsfelder. Hier sind Heilpädagogen unter anderem bei ambulanten Diensten, in Einrichtungen wie Betreutes Wohnen oder bei Integrationsfachdiensten beschäftigt.

Foto: Mario Zgoll

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