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Lösung für junge Mütter: Teilzeit-Ausbildung

Ehemalige und aktuelle Teilzeit-Auszubildende bei Roche Diagnostics: Kim Petridis und Stephanie Mink (v.l.). Foto: nhÜber 15.000 Frauen unter 20 Jahren haben 2011 in Deutschland ein Kind bekommen. Unter den jungen Müttern waren mehr als 4.000 noch keine 18 Jahre alt und damit minderjährig. Eine Ausbildung mit einem kleinen Kind ist dann natürlich eine große Herausforderung. Sowohl Personaler als auch junge Frauen wissen oft nicht, dass es auch Teilzeit-Ausbildungen gibt, die auf die speziellen Bedürfnisse junger Mütter zugeschnitten sind. So wurden in Bayern im Jahr 2011 gerade einmal 108 Verträge für Teilzeit-Ausbildungen abgeschlossen, so die Regionaldirektion der Arbeitsagentur in einer aktuellen Pressemitteilung.

Neben einem Kind können z. B. auch andere familiäre Besonderheiten wie die Pflege von Angehörigen ein großes Hindernis für eine erfolgreiche Ausbildung sein. Eine Teilzeit-Ausbildung ist daher grundsätzlich auch für betroffene Männer offen, in der Praxis sind jedoch fast nur junge Mütter in Teilzeit-Ausbildungen zu finden. Doch wie funktioniert es? Wie sind die Erfahrungen der Teilzeit-Azubis, wie die Erfahrungen der Ausbildungsbetriebe?

Traumberuf …
Krankenschwester war schon immer der Traumberuf von Samantha Konradi (19). Und seit September 2012 verwirklicht sie ihren Traum in einer Teilzeit-Ausbildung im Klinikum der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Dass sie eine Ausbildung machen würde, war ihr schon klar, als sie mit 16 kurz vor ihrem Realschulabschluss schwanger wurde. Nach der Geburt ihres Sohnes im Februar 2011 schrieb sie Bewerbungen für eine Teilzeit-Ausbildung, machte dann einen mehrmonatigen Vorbereitungskurs bei Förderband e. V. in Mannheim und konnte danach ihre Ausbildung beginnen.

… oder Neuorientierung
Etwas anders verlief der Weg von Kim Petridis (27). Sie wurde nach dem Abitur gleich zu Beginn ihres Studiums schwanger, brach dann ihr Studium ab und begann nach diversen Jobs ihre Teilzeit-Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation bei der Roche Diagnostics GmbH in Mannheim, einer Gesellschaft mit Schwerpunkt „medizinische Diagnostik“. Nach ihrer erfolgreichen Abschlussprüfung im Januar 2012 wurde sie übernommen und arbeitet mittlerweile in Vollzeit.

Ähnlich erging es Anna Thomas (24), die zunächst eine Ausbildung zur Arzthelferin abbrach, dann in, wie sie selbst sagt, „etwas wilderen Zeiten“ mit 21 Mutter wurde und nach drei Jahren zu Hause seit September 2012 eine Teilzeit-Ausbildung zur Verkäuferin im idee.Creativmarkt in Mannheim macht, einer von deutschlandweit 37 Filialen, in denen Bastel- und Künstlerbedarf angeboten wird.

Mutter mit 14
Stephanie Mink (23) hat sogar zwei Kinder. Als ihre Tochter zur Welt kam, war sie gerade 14, bei der Geburt ihres Sohnes 18. Vom Vater der Kinder lebt sie seit über vier Jahren getrennt. Und schon nach der Geburt ihrer Tochter war ihr klar, dass sie beruflich etwas aus sich machen wollte: „Ich wollte meinen Kindern eine Perspektive bieten.“ Nach Realschule und Berufskolleg steht sie jetzt vor den Prüfungen zur Kauffrau für Bürokommunikation bei der Roche Diagnostics GmbH.

Vorbereitungskurs
Teilzeit-Auszubildende bei idee.Creativmarkt: Anna Thomas. Foto: nhAls ausgesprochen wertvoll schätzen alle jungen Frauen den neunmonatigen Vorbereitungskurs bei Förderband e. V. in Mannheim ein. „Ich musste erst einmal lernen, mein Kind von anderen betreuen zu lassen“, so Samantha Konradi. Während des Kurses werden die Kinder bei Förderband e. V. in einem eigenen Raum versorgt, sodass die Mutter immer in der Nähe ist, wenn das Kind sie einmal braucht. Aber auch andere Aspekte des Vorbereitungskurses sind sehr wichtig: „Ich habe viel Selbstbewusstsein bekommen, Präsentationen gelernt und konnte auch mit anderen jungen Müttern über unsere Probleme reden“, ergänzt Anna Thomas.

Kind als Hindernis
Sandra Müller-Reinke, die bei Förderband e. V. für die Vorbereitungskurse verantwortlich ist, hat vor allem mit fehlender Offenheit in vielen Betrieben zu kämpfen: „Ein Kind wird oft als Hindernis gesehen, und es ist sehr schwer, Betriebe für eine Teilzeit-Ausbildung zu finden.“ In den Kursen werden auch die Stärken und Interessen der jungen Frauen analysiert, sodass Sandra Müller-Reinke ihnen Vorschläge für geeignete Berufe machen kann und dann zusammen mit den Frauen einen Ausbildungsbetrieb sucht.

Kinderbetreuung als Voraussetzung
Der klare Grundsatz ist dabei: Ohne Betreuung keine Ausbildung! Und genau da gibt es immer wieder Schwierigkeiten für die jungen Mütter: „Ich habe meinen Sohn schon in der Schwangerschaft bei einer Krippe angemeldet und stand dann fast zwei Jahre auf der Warteliste“, ist die traurige Erfahrung von Samantha Konradi. Etwas entspannter ist die Situation, wenn die Kinder etwas älter sind und in den Kindergarten gehen, wie bei den anderen Müttern, oder sogar schon zur Schule und danach in den Hort wie bei Stephanie Minks achtjähriger Tochter. Eine ihrer wichtigsten Empfehlungen ist: „Eine gute Organisation ist erforderlich. Und wenn etwas schiefgeht, braucht man immer einen Plan B, einen Plan C und so weiter.“

Väter oft wenig unterstützend
An diesem Punkt kommen natürlich auch die Väter ins Spiel, und hier sind die Erfahrungen der jungen Frauen durchwachsen. „Da war am Anfang nicht so viel Unterstützung. Heute ist das anders, und wir sind nun auch verheiratet“, ist die mittlerweile erfreuliche Entwicklung bei Kim Petridis. Auch bei Samantha Konradi bringt sich der Vater nun mehr ein, und bei Anna Thomas beteiligt sich auch ihr neuer Freund an der Kinderbetreuung. Stephanie Mink wird nach der Trennung vom Vater ihrer beiden Kinder von Freunden unterstützt.

Positive Erfahrungen
Ist es einerseits schwierig, Betriebe für eine Teilzeit-Ausbildung zu finden, andererseits sind die beteiligten Unternehmen mit ihrem Berufsnachwuchs in Teilzeit-Ausbildung hochzufrieden. So war die Roche Diagnostics GmbH 2005 in Mannheim der erste Ausbildungsbetrieb überhaupt, den Förderband e. V. für eine Teilzeit-Ausbildung gewinnen konnte. „Am Anfang musste ich einige Überzeugungsarbeit im Unternehmen leisten. Aber wir haben nur positive Erfahrungen gemacht. Unsere Teilzeit-Azubis sind organisiert, verantwortungsbewusst und ziehen das durch“, so Sandra Kippenhan, Leiterin des Ausbildungsmarketings bei der Roche Diagnostics GmbH.

„Wir mussten auch erst einmal auf den Stationen für ein entsprechendes Bewusstsein werben“, sagt Monika Dunkmann, Leiterin der Krankenpflegeschule im Klinikum Ludwigshafen, bei der jeweils im Oktober zwei bis drei junge Frauen ihre Teilzeit-Ausbildung beginnen. „Wir wollen aber auch als Arbeitgeber, dass sich Mitarbeiterinnen entsprechend ihrer Lebensphase entfalten können“, ergänzt Yasemin Böhnke, Leiterin der Unternehmenskommunikation. Für die stellvertretende Pflegedirektorin Alexandra von Rex kommt noch hinzu: „Unsere Teilzeit-Azubis haben sich vor dem Wiedereinstieg Gedanken über ihre Ausbildung gemacht. Die Teilzeit-Ausbildung ist für uns auch eine große Chance, qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen.“

Und auch Markus Ehret, der Filialleiter des Idee.Creativmarkts, ist voll des Lobes über Anna Thomas, seine erste Teilzeit-Auszubildende: „Wir haben im Unternehmen ohnehin eine Kultur, immer mal etwas Neues zu machen. Die Möglichkeit einer Teilzeit-Ausbildung ist toll, ich würde es sofort wieder machen.“

Unterschiedliche Ausbildungsdauer
Samantha Konradi durchläuft ihre Teilzeit-Ausbildung im Klinikum Ludwigshafen. Foto: Klinikum Ludwigshafen/M. RinderspacherKlar ist natürlich, dass Teilzeit-Azubis entsprechend verkürzte Arbeitszeiten haben, die bei den jungen Frauen meist zwischen fünf und sechs Stunden am Tag liegen. Bei der Ausbildungsdauer gibt es hingegen Unterschiede: So dauert die Ausbildung zur Verkäuferin bei Anna Thomas und zur Kauffrau für Bürokommunikation bei der Roche Diagnostics GmbH wie bei den Vollzeit-Azubis zwei bzw. drei Jahre. Die Teilzeit-Azubis müssen also den Prüfungsstoff auch in dieser Zeit lernen und im Betrieb die entsprechenden Praxisphasen durchlaufen. Bei der Ausbildung zur Krankenschwester hingegen verlängert sich die Dauer von regulär drei auf vier Jahre.

Knappe Finanzen
Sind 700 oder 800 Euro Ausbildungsvergütung für einen Vollzeit-Azubi, der noch zu Hause wohnt, schon recht viel Geld, ist eine Teilzeit-Vergütung für eine Mutter mit Kind natürlich zu wenig Geld für den Alltag. Je nach persönlicher Situation stehen das eigene Kindergeld und das Kindergeld für die Kinder zur Verfügung, steuern die Partner ihr Einkommen bei oder erhalten die jungen Frauen staatliche Unterstützung wie Wohngeld. Gerade bessere Einkommensperspektiven sind auch eine Motivation für eine Ausbildung: „Ich bin am Ende meiner Ausbildung 26, und dann möchte ich mir und meinem Sohn auch mal etwas leisten können“, so Anna Thomas.

Positive Gesamtbilanz
Die Abbruchquote der Teilzeit-Azubis ist extrem niedrig: „Wir hatten bei 53 Ausbildungen bisher drei Abbrüche“, so Sandra Müller-Reinke von Förderband e. V. Dazu trägt sicherlich neben den Vorbereitungskursen mit Praktika auch bei, dass sie grundsätzlich nur Ausbildungen vermittelt, bei denen Betrieb und Bewerberin passen. Außerdem hält sie den Frauen die Konsequenzen eines Abbruchs klar vor Augen: „Aber das ist ja zum Glück selten!“ Und auch die jungen Mütter erleben ihre Ausbildung als Erfolg: „Ich bin stolz, wenn mein Sohn sagt, dass die Mama arbeiten geht“, sagt Anna Thomas. Stephanie Mink hat vor allem an Zielstrebigkeit durch ihre Kinder gewonnen: „Ohne sie wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.“ Und Kim Petridis nennt als wichtigste Voraussetzung: „Die Einstellung muss stimmen – sonst geht nichts!“

Erfolgsfaktoren für Teilzeit-Azubis

Erkundige Dich vor Ort nach den Unternehmen, die Teilzeit-Ausbildungen anbieten, und den entsprechenden Berufen.

Habe den Mut, ein für Dich interessantes Unternehmen auch aktiv auf eine Teilzeit-Ausbildung in Deinem Traumberuf anzusprechen. Der drohende Fachkräftemangel lässt viele Betriebe auch über neue Wege beim Berufsnachwuchs nachdenken. Sprich dabei auch gezielt Unternehmen an, die mit familienfreundlichen Arbeitsbedingungen werben!

In vielen Regionen und Städten gibt es Förderprogramme und Vorbereitungskurse für Teilzeit-Ausbildungen. Nutze unbedingt die Möglichkeit, Dich mit Fachleuten auf Deine Ausbildung vorzubereiten, Praktika zu absolvieren und auch Deine Stärken und Schwächen besser kennenzulernen.

Für eine Teilzeit-Ausbildung brauchst Du vor allem Organisationsfähigkeit, Ausdauer und Zielstrebigkeit – auch das lässt sich in einem Vorbereitungskurs trainieren!

Informationen über Projekte in Ihrer Nähe findest Du z. B. unter www.ntba.reinit.net/landkarte.php oder www.netzwerk-teilzeitausbildung-bw.de

Eine regelmäßige Kinderbetreuung ist absolut notwendig. Melde Dein Kind daher möglichst früh, wenn möglich schon während der Schwangerschaft, z. B. bei einer Krippe an.

Du brauchst möglichst immer einen Ausweichplan, wenn etwas schiefgeht, z. B. mit der Kinderbetreuung oder wenn Du auf dem Rückweg von der Arbeit in einem Stau stecken.

Kümmere Dich so früh wie möglich um Deine finanziellen Ansprüche. Je nach persönlicher Situation kannst Du möglicherweise Unterhalt vom Vater des Kindes oder Unterhaltsvorschuss, Wohngeld, Leistungen der Arbeitsagentur usw. erhalten. Du wirst in Deiner Teilzeit-Ausbildung mit wenig Geld auskommen müssen – umso wichtiger ist es, dass Du nichts verschenkst!

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