Kaleidoskop


Duales Studium: Einerseits, andererseits

Man verdient richtiges Geld, hat aber weniger Zeit, es auszugeben. Beim Unternehmen hat man bereits mehr als nur einen Fuß in der Tür, aber das klassische Studentenleben verpasst man. Lydia (25) und Tobias (22) kennen die Vor- und Nachteile des dualen Studiums.

An der FOM Siegen studiert Lydia berufsbegleitend. Die Gebühren zahlt ihr Arbeitgeber. Foto: FOM/Tom SchulteLydia Ruckelshausen (25) kannte das Berufsleben bereits. Seit mittlerweile fünf Jahren arbeitet sie bei der SMS Siemag, absolvierte dort schon ihre Ausbildung zur technischen Zeichnerin. Ein Studium traute sie sich nach dem Abitur erst mal nicht zu, später dachte sie jedoch immer häufiger darüber nach: „Mein Arbeitgeber bot mir dann an, noch im letzten Jahr meiner Ausbildung ein berufsbegleitendes Studium zu beginnen – ich dachte nur, das passt wie A*** auf Eimer.“ Zu ihrer 35-Stunden-Woche kamen abendliche Vorlesungen und Seminare am Wochenende an der FOM in Siegen. Das Arbeitspensum nimmt sie in Kauf: „Ich wollte nicht aus dem Beruf raus, weil ich mich im Unternehmen sehr wohl fühle. Außerdem wollte ich meinen Lebensstandard beibehalten – also weiterhin Geld verdienen.“ Dass Freizeit und Privatleben dabei zurückstehen müssen, hat auch sie gemerkt. „Man braucht vor allem den richtigen Backround dafür. Freunde und Familie müssen Verständnis haben, wenn man nicht immer überall dabei sein kann.“ Früher engagierte sie sich viel in ihrer Gemeinde, spielte Saxophon im Musikverein. Heute braucht sie die Proben und Auftritte oftmals gar nicht mehr absagen, da keiner mehr damit rechnet, dass sie kommt. „Das ist schon hart, aber die Zeit geht schneller rum, als man denkt. Und darauf freue ich mich auch immer mehr.“ Siemag half Lydia mit einem Darlehen, die Zeit bis zum Ausbildungsende zu überbrücken. Heute übernimmt das Unternehmen die monatlichen Studiengebühren in Höhe von fast 300 Euro. Hätte sie ihr Studium abgebrochen, müsste sie diese Finanzierung zurückzahlen. „Daran habe ich aber nie gedacht“, erzählt sie. „Mein Chef steht hinter mir. Die Firma zeigt mir Vertrauen, anstatt Druck aufzubauen.“ Doch gerade im Studium sei auch sie schon mal an ihre Grenzen gekommen: „Trotz Planung und Gleitzeit – Manchmal kommt einfach alles auf einmal und dann ist es echt zum Kotzen.“ Das Studentenleben sei mau, auf Vollzeitstudenten ist sie neidisch. Das könnte sich bald ändern. Durch ihren Werdegang kennt sie das Unternehmen, hat ein gutes Netzwerk und könnte auch international noch Berufserfahrung sammeln. „Wer Vollzeit arbeitet und auch noch studiert, wird sicher nicht verhätschelt. Ich konnte aber immer sehen, wofür ich das mache.“ Im täglichen Arbeitsleben heißt das, Lydia konnte ihre Theoriekenntnisse immer schnell in der Praxis umsetzen. Und auch langfristig zahlt sich ihr Einsatz aus – das jetzige siebte Semester Maschinenbau ist ihr letztes. Danach kann Lydia mit einer höheren Gehaltsstufe rechnen. Ob Vor- oder Nachteile überwiegen, scheint immer eine Sache des Standpunktes zu sein. Für Lydia steht aber fest: „Ich würde es nicht anders machen.“

Tobias Schmidt verbindet bei BP Theorie und Praxis. Foto: nhDass er dual studieren möchte, war für Tobias Schmidt schon lange klar. Wegen einigem Hin und Her aufgrund der Wehrdienstreform war er mit seinen Bewerbungen dann aber doch etwas spät dran. „Es gab eigentlich nur noch zwei interessante Stellen für mich“, erzählt der 22-Jährige. „Eine bei einem Automobilkonzern, die andere bei BP. Dort wurde er angenommen und studiert nun seit September 2011 neben seiner praktischen Ausbildung Internationales Management an der FOM Hochschule Essen. Der Einstieg ins Berufsleben ging schnell: „Ich konnte von Anfang an mit meinen Kollegen auf einer Ebene mit arbeiten, habe eigene Projekte bekommen und trage Verantwortung.“ Verantwortung, der er gerecht werden muss und will. 37,5 Stunden arbeitet Tobias in der Woche. An zwei bis drei Abenden muss er zur Uni und auch an manchen Samstagen stehen Vorlesungen und Seminare auf dem Programm. „Das ist anstrengend und kein Vergleich zur Schule. Aber man gewöhnt sich schnell daran.“ Das liegt vielleicht auch daran, dass es seinen Kommilitonen genauso geht. Ungefähr 100 Leute sitzen in den Grundkursen, in einzelnen Seminaren sind es manchmal nur 10 bis 12. Eine Anwesenheitspflicht gibt es nicht, die Studiengebühren übernimmt sein Arbeitgeber. „Da wir verglichen mit Vollzeitstudenten weniger Studienstunden in der Woche haben, dauert das Studium sieben Semester. Qualitätseinbußen sehe ich keine, ich habe aber auch keinen Vergleich zu einer staatlichen Hochschule.“ Nur was das Studentenleben angeht, hat er den Unterschied in den Universitätsstädten Essen und Bochum immer vor Augen. „Hier sieht man fast jeden Tag Studenten, die auf Partys gehen. Ich kann nur am Wochenende und auch meistens nur samstags raus.“ Er wisse aber, wofür er das mache. „Ich habe nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Aber neidisch bin ich schon manchmal.“ Dabei geht es nicht nur um das abendliche Bierchen oder ausgelassene WG-Parties. „Am Anfang war alles so spannend, aber nach zweieinhalb Jahren habe ich gemerkt, wie viel ich auch für meine Karriere aufgegeben habe.“ Tobias, der eigentlich aus Norddeutschland kommt, hat Eishockey gespielt, als Tanzlehrer gearbeitet, sich politisch engagiert. In Bochum meldete er sich noch einmal in einem Tanzkurs an: „Das kollidierte aber mit meinem Stundenplan.“ Als Lohn für seine Mühen garantiert BP Tobias die Übernahme für ein Jahr. Sein Ziel ist es, später im Außendienst oder der Sicherheitsabteilung zu arbeiten. Zunächst stehen aber drei Monate Studium in Spanien an. Sein Arbeitgeber hat Tobias dafür freigestellt – bei voller Lohnfortzahlung. „Da kann ich dann auch bestimmt einiges an Studentenleben nachholen“, lacht er. Dem Druck, den er selbst und das Arbeitspensum auf ihn ausüben, begegnet er gelassen: „Ich sehe vor allem meine Möglichkeiten und bin dafür sehr dankbar.“

Hintergrundinfos:
SMS Siemag Group
Anlagen- und Maschinenbau
13.500 Mitarbeiter weltweit
www.sms-group.com

BP
Hauptsitz in London
ca. 80.000 Mitarbeiter
weltweit in über 80 Ländern
in Deutschland unter der
Marke Aral mit rund 2.500 Stationen Marktführer
im Tankstellenmarkt

FOM Hochschule
Mit über 21.500 Studierenden
Deutschlands größte
private Hochschule
Studienangebot von klassischer Wirtschaftswissenschaft über Ingenieurwesen bis hin zur Wirtschaftspsychologie
32 Standorte bundesweit
vernetzt mit über 700 Kooperationsunternehmen
www.fom.de

Foto (oben): FOM/Tom Schulte
Foto (unten): nh

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