Berufsbilder


Hoch hinaus als Industriekletterer

In vielen Berufen wollen wir vor allem eines: immer weiter hoch hinaus! Das geht übrigens auch ganz ohne Karriereleiter – als Industriekletterer.

Vorbereitung ist alles: Eike Helf in seiner Kletterausrüstung. Foto: nhZugegeben, die offizielle Berufsbezeichnung klingt nicht besonders reizvoll. Dabei birgt der Begriff „Seilzugangs- und Positionierungstechnik“ wohl einen der spannendsten Berufe, in dem es beinah jeden Tag hoch hinausgeht: Den Berufs- oder Industriekletterer. Es ist acht Uhr morgens, als Björn Liebherr und Eike Helf ihre Ausrüstung checken. Neben Helm und Sicherheitsschuhen gehören dazu vor allem ein Brust- und Sitzgurt sowie mehrere Meter Seile. Nach mehrmaliger Kontrolle der Seilstrecken geht es für beide abwärts. 20 Meter ist das Parkhaus in Bochum hoch, von dessen Dach sie sich heute abseilen, um ein Werbebanner abzuhängen.

Industriekletterer – Abseilen statt Hochklettern
„Eigentlich klettert man als Industriekletterer ja überhaupt nicht“, erklärt Anke Liebel von der Bochumer ClimX GmbH. „In der Regel seilt man sich nämlich von einem festen Punkt ab, es geht also von oben nach unten.“ Und dieses oben kann ganz schön hoch sein. Die Kletterer bei ClimX arbeiten an Kraftwerken, Schornsteinen oder Mobilfunkmasten in bis zu 300 Metern Höhe. Dabei darf man nicht nur keine Höhenangst haben. „Man muss sportlich fit sein“, erklärt Eike. „Konzentration und gewissenhaftes Arbeiten gehören ebenfalls dazu.“ Auch enge Räume sollten kein Problem sein, denn auch in Kesselanlagen werden die Kletterer eingesetzt. Eben überall dort, wo Menschen mit Hebebühnen oder sonstigen Hilfsmitteln nicht so einfach herankommen. Die Aufgaben reichen von Reinigungsarbeiten über handwerkliche Tätigkeiten bis zu Sicherheitswartungen. Dazu müssen die Kletterer oft spezielle Sicherheitskleidung wie Schutzmasken tragen. Für Eike ist das der Grund, warum er den Job so mag: „Kein Einsatzort ist wie der andere.“

Handwerker am Seil
Mit knapp 20 Metern ist das Parkhaus relativ niedrig, es geht auch schon mal auf 300 Meter hinauf. Foto: nhDer 27-jährige Eike studiert eigentlich Physik und hat als Freizeitkletterer angefangen. Doch er überlegt, seinen Nebenjob später hauptberuflich auszuüben. Die Ausbildung beziehungsweise Zertifizierung läuft in der Regel über den Fach- und Interessenverband für seilunterstützte Arbeitstechniken e.V. (FISAT). So wie der 35-jährige Björn, der Baustoffprüfer ist und als Schlosser gearbeitet hat, haben außerdem viele Kletterer zuvor bereits andere, oft handwerkliche Ausbildungen absolviert. Schließlich geht es bei den meisten Einsätzen darum, Wartungen oder Reparaturen durchzuführen. Wegen der verschiedenen Aufgaben kommt es beim Industrieklettern auch immer auf Erfahrungswerte an, die jeder selbst erwerben muss. Zu den Ausbildungsinhalten gehören neben der Materialkunde und der Fortbewegung am Seil vor allem Rettungstechniken. Obwohl Björn und Eike jeder für sich klettern und sich nicht gegenseitig sichern, muss im Ernstfall jeder in der Lage sein, den anderen aus einer Notlage zu befreien. „Die meisten Unfälle sind aber handwerklicher Art, Abstürze hat es bei uns noch nie gegeben“, weiß Anke Liebel.

Einzelkämpfer im Stammteam
Das ClimX-Stammteam ist deutschlandweit und im umliegenden Ausland im Einsatz. Fest angestellte Mitarbeiter gibt es in der Branche nur selten, die meisten sind auch hier selbstständig und werden für einzelne Projekte eingesetzt. So unterschiedlich wie die Einsätze sind deshalb auch die Verdienstmöglichkeiten, zudem muss jeder Kletterer selbst für seine Ausrüstung sorgen. „Weil die Ausrüstung oft teuer ist, sollte man die regelmäßige Materialprüfung auch immer einem Kollegen überlassen. Der ist objektiver, wenn es um notwendige Neuanschaffungen geht“, rät Liebel. Anke Liebel selbst ist vor einiger Zeit in die Verwaltung von ClimX gewechselt. Hier plant sie Einsätze, stellt Kletterteams zusammen und organisiert Vor-Ort-Termine bei Neukunden, um zu sehen, welche Ausrüstung nötig ist und ob ein Objekt überhaupt „bekletterbar“ ist. „So einen Job kann man aus rein körperlichen Gründen leider nicht bis zum Rentenalter machen, deshalb habe ich früh nach Alternativen geschaut.“ Trotzdem klettert sie immer wieder auch selbst. Besonders gern im Sommer und im Grünen, Fördertürme gehören gerade im Ruhrgebiet zu den beliebtesten Einsatzorten. Am Bochumer Parkhaus ist es zwar trocken, dafür weht ein leichter Wind. Wetterfest müssen Industriekletterer also auch sein, doch es gibt Grenzen. Starker Wind würde die Kletterer gefährden und bei zu niedrigen Temperaturen können viele Reparaturmaterialien nicht eingesetzt werden. Theoretisch können Kletterer einen ganzen Tag in den Seilen hängen – unterbrochen nur von kleinen Pausen. Dazu brauchen die Arbeiter ein so genanntes Sitzbrett, damit die Gurte nicht in die Beine schneiden. Eike und Björn haben das Poster nach knapp einer Stunde von der Parkhausfassade geholt. Feierabend ist es aber noch nicht: Gewissenhaftigkeit gilt bei der Vorbereitung genauso wie nach dem Einsatz. Schließlich wollen die beiden auch beim nächsten Einsatz gut gesichert hoch hinaus.

Foto: nh

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